„Die DIG wird zwangsläufig auch als dezidiert politische Vereinigung wahrgenommen“

Dokumentation: heuler*-Interview mit dem Sprecher der Hochschulgruppe Rostock der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Daniel Leon Schikora, Juni 2012

heuler: Die DIG macht es sich in ihrer Satzung zur Aufgabe, „die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel in allen Fragen des öffentlichen und kulturellen Lebens zu vertiefen“.  Stehen Sie Israel kritiklos gegenüber?
Schikora: Eine in dieser Satzung enthaltene konkrete, gerade für unsere Hochschulgruppe im Zentrum stehende Zielsetzung besteht darin, der deutschen Öffentlichkeit Informationen über „Geschichte, Kultur und Gegenwart des Staates Israel, über Ursachen, Wirkungen und Folgen des Nahostkonfliktes und über Friedensinitiativen im Nahen Osten“ nahezubringen und zur Diskussion zu stellen. Mit Blick auf diesen Anspruch – und mit Blick auf die Aktivität der Deutsch-Israelischen Gesellschaft seit ihrer Gründung 1966 – wäre die Vorstellung abwegig, unsere Freundschaftsgesellschaft stehe allen gesellschaftlichen Erscheinungen in Israel „kritiklos“ gegenüber.

Was unterscheidet Ihre Arbeit dann von anderen Freundschaftsgesellschaften?
Die DIG wird – im Unterschied z. B. zur Deutsch-Britischen Gesellschaft – zwangsläufig nicht nur als eine kulturelle, sondern auch als eine dezidiert politische Vereinigung wahrgenommen. Tatsächlich sieht die DIG-Hochschulgruppe einen ihrer Themenschwerpunkte im Bereich der politischen Bildung: Es geht uns um die öffentliche Auseinandersetzung mit bestimmten, den Nahostkonflikt und Israel betreffenden Vorurteilen und Stereotypen, die in der deutschen Öffentlichkeit weit verbreitet sind, was den freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Völkern zuwiderläuft.

Das klingt zunächst sehr neutral. Wie bewertet die Hochschulgruppe denn Israels Palästina-Politik?
Zwei Aktivisten – drei Meinungen. Dieses Prinzip kommt nicht nur in der Gesamt-DIG (die bundesweit mehrere Tausend Mitglieder umfasst) zur Geltung, sondern selbst in unserer noch relativ kleinen Hochschulgruppe. Meiner Überzeugung nach kann ein dauerhafter Friede nur erreicht werden unter den Bedingungen der gegenseitigen Anerkennung Israels einerseits und eines zu gründenden palästinensischen Staates andererseits.

Woran scheitert dieser Anspruch aus Ihrer Sicht?
Derzeit fehlt der Regierung Israels auf palästinensischer Seite ein (institutioneller) Gesprächspartner, der bereit und in der Lage wäre, denjenigen Kräften wirkungsvoll entgegenzutreten, die nach wie vor offen die Auslöschung des jüdischen Staates propagieren. Ungeachtet der vielkritisierten Einbeziehung auch rechtskonservativer Kräfte in israelische Regierungen sehe ich als Grundkonstante der vergangenen Jahrzehnte die folgende fundamentale politisch-kulturelle Bruchlinie zwischen Israel und „Palästina“: Ein demokratisch-verfassungsstaatlich organisiertes Gemeinwesen, das als jüdische Republik auch 1,5 Millionen nichtjüdische Araber – ein Siebtel der israelischen Bevölkerung – staatsbürgerlich integriert hat, steht einer Gesellschaft (oder, mit dem Westjordanland und dem Gazastreifen, zwei) gegenüber, deren Repräsentanten es durchweg für völlig legitim halten, als eine Vorbedingung für einen Frieden den Abbau aller jüdischen Siedlungen im Westjordanland zu fordern. Im Klartext: Das Territorium des von ihnen angestrebten souveränen Staates soll „judenfrei“ sein.

Sie ergreifen eindeutig Partei für Israel. Können Sie das als Politikwissenschaftler rechtfertigen? Wie bewerten Ihre Kollegen diesen Schritt?
Um einem möglichen Missverständnis vorzubeugen: Die DIG-Hochschulgruppe ist interdisziplinär ausgerichtet, was sich bereits heute darin niederschlägt, dass sich unter unseren Mitgliedern neben Studierenden der Politikwissenschaft auch Angehörige anderer Disziplinen, etwa der Theologie, befinden. Unabhängig von meiner Disziplin bin ich als Bürger natürlich nicht an ein Neutralitätsgebot gebunden, das sich aus dem Gegenstand meiner Disziplin ergäbe. Dies gilt für jeden politisch relevanten Bereich: Als Bürger habe ich z. B. nie Neutralität gewahrt und werde niemals Neutralität wahren zwischen der Verteidigung des bürgerlichen Rechtsstaates und Bestrebungen, seine Institutionen auszuhöhlen. Wer – wie unsere Hochschulgruppe – im wissenschaftspolitischen Raum auftritt, muss sich allerdings der Gefahr der Instrumentalisierung von „Wissenschaft“ für genuin politische Zwecke bewusst bleiben. Trotzdem würde es dem gesellschaftlich-kulturellen Anspruch von Wissenschaften Hohn sprechen, wenn ein Politikwissenschaftler – oder ein Theologe -, unter Berufung auf die Trennung von Politik und Wissenschaft, sozusagen als „Nur-Politiker“ handeln würde, unter Missachtung des theoretisch-methodischen Fundus seiner Disziplin! Es wäre daher tatsächlich von Übel, wenn eine Hochschulgruppe sich dazu hinreißen ließe, „in politischem Interesse“ darauf zu verzichten, Potentiale – und auch Grenzen – wissenschaftlicher Kommunikation kritisch zu reflektieren.

Mit sieben Mitgliedern ist Ihre Hochschulgruppe vergleichsweise klein. Ist es möglicherweise schwer, andere für Ihren klaren pro-israelischen Kurs zu begeistern?
Unter Studierenden der Politikwissenschaft und der Theologie stieß die Gründung unserer Gruppe teilweise auf ein sehr reges Interesse. Dabei wurde – auf der einen Seite – erfreut zur Kenntnis genommen, dass wir das hochschulpolitische Spektrum um eine parteiunabhängige Gruppe erweitert haben, und dass diese Gruppe – in Anbetracht des Interesses vieler Studierender an Israel und dem Nahostkonflikt – eine gravierende thematische „Lücke“ geschlossen hat. Auf der anderen Seite teilten uns Kommilitonen mit, sie ständen unserem Anliegen skeptisch oder ablehnend gegenüber. In diesem Zusammenhang fiel auf, dass es so manchem Kommilitonen der Politikwissenschaft schwerfiel, zu verstehen, dass es sich bei der Gründung einer der deutsch-israelischen Freundschaft verpflichteten Hochschulgruppe nicht um eine parteipolitisch motivierte Angelegenheit handelt. So wurde unsere Gruppe anfangs ernsthaft sogar als eine Art Konkurrenz zu den bestehenden parteigebundenen Gruppen eingestuft

In der Theologischen Fakultät wurde die Gründung der Hochschulgruppe sogar in der Professorenschaft ausdrücklich begrüßt.
Richtig. Und DIG-Präsident Reinhold Robbe unterstrich im Zusammenhang mit der Gründung der Rostocker DIG-Hochschulgruppe – der ersten in der Republik –, das Potential weiterer israelsolidarischer Hochschulgruppen sei groß. Er verwies auf Notwendigkeit und Aktualität „klarer Zeichen“ „nicht zuletzt angesichts von Boykottaufrufen gegen israelische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“.

Sie beziehen klar Stellung für Israel. Müssen die Mitglieder Anfeindungen aus dem rechten Lager befürchten?
In Rostock wurden wir in einem Fall von neonazistischer Seite direkt angefeindet. Als die DIG-Hochschulgruppe die Neuauflage der Kampagne für eine Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße in Rostock-Toitenwinkel verurteilte – aus unserer Sicht ein infamer geschichtspolitischer Angriff auf die öffentliche Erinnerung an einen jüdischen Antifaschisten –, berichtete die Ostsee-Zeitung relativ ausführlich über unsere Stellungnahme. Daraufhin wurden wir in einem in der Online-Ausgabe der OZ veröffentlichten Leserbrief eines Neonazis (oder eines Kabarettisten) beschuldigt, durch unsere Parteinahme für die Ilja-Ehrenburg-Straße den Antisemitismus zu fördern.

Ihr Ansinnen, für Israel zu begeistern, könnte auch unter gemäßigten Bürgern zu einem Imageproblem werden.
Wer sich heute in Deutschland öffentlich für die deutsch-israelische Freundschaft und für eine Vertiefung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern einsetzt, muss mit scharfer Kritik und auch mit Anfeindungen rechnen, die keineswegs nur von Neofaschisten ausgehen. In einem politischen Klima, in dem es sich der Vorsitzende einer staatstragenden deutschen Partei leisten kann, gegen Israel unbegründet den „Apartheid“-Vorwurf zu erheben, ohne am nächsten Tag zum Rücktritt gezwungen zu werden, wundert es nicht, dass die Israel-Solidarität vielfach als eine Art Rassisten-Lobby verortet wird. Demgegenüber geht das „Palästinensertuch“ als Accessoire des „Antifaschismus“ und des „Antirassismus“ durch.

Wir lesen überraschend oft Pressemitteilungen von Ihnen. Arbeitet die Hochschulgruppe auch darüber hinaus?
Wir hatten uns zum Zeitpunkt unserer Gründung vorgenommen, – abgesehen von unserer monatlichen Stammtischrunde – im zeitlichen Rahmen des Sommersemesters mehrere Vortragsveranstaltungen durchzuführen. Unsere erste Vortragsveranstaltung mit Dr. Tilman Tarach am 15. Mai auf dem Campus zum Thema „Feindbild Israel – Antisemitische Stereotype im Nahostkonflikt“ wurde von knapp 50 Studierenden besucht. Am 3. Juli werden wir in einem ähnlichen Rahmen einen Vortragsabend mit dem Publizisten Justus Wertmüller zum Thema: „Ist die ‚Israel-Solidarität‘ gescheitert?“ ausrichten. Darüber hinaus planen wir derzeit eine Israel-Reise, ein Projekt, für das sich auch eine hochschulgruppenübergreifende Zusammenarbeit anböte.

Vielen Dank für das Gespräch.

Interview Michael Schultz

* heuler. Das Studentenmagazin der Uni Rostock, 98 / Juni 2012, 36 f.

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Über dighochschulgruppe

Ziel der Organisation ist es, den Studierenden an den Hochschulen in Rostock ein umfassendes und positives Bild vom jüdischen Staat zu vermitteln sowie einen differenzierten Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse zu ermöglichen.
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